Vom Heldentenor zum Küster

Lübeck - Innenstadt: Archiv - 06.11.2023, 13.19 Uhr: In einem früheren Leben war Andrew Franck ein weltbekannter klassischer Sänger. Der Neuseeländer sang auf den berühmtesten Bühnen der Welt, war als Tenor auf Heldenrollen spezialisiert. Nun hat Andrew Franck Wagner, Puccini und Beethoven eingetauscht gegen einen ganz bodenständigen Job: Er ist der neue Küster von St. Petri in Lübeck.

Mit einer Opernbühne hat das Küsterbüro in der Lübecker Petri-Kirche wenig gemein. Auf dem Schreibtisch liegen Arbeitshandschuhe. An einem Bord hängen diverse Schlüssel, Werkzeuge schlummern in den Regalen. Unter dem Schreibtisch döst Andrew Francks Hündin „Lilly“. Im Kirchenraum von St. Petri erklingt an diesem Mittag klassische Musik. Geige und Klavier sind zu hören. Ab und an kommen junge Künstler zu Franck ins Büro. Sie wollen sich beim Küster ihre Gage für die kurzen Auftritte abholen, verstauen ihre Instrumente.

„In St. Petri habe ich viel mit Menschen zu tun“
Dann leuchten die Augen des neuen Petri-Küsters. „Ich finde es toll, dass ich in meinem neuen Job so viel mit Menschen zu tun habe“, sagt Andrew Franck. Die neue Arbeitsstelle ist vielseitig: Gartenarbeiten auf dem Petri-Kirchhof müssen ebenso erledigt werden wie die Technik im Kirchenraum. „Ich muss noch einen Scheinwerfer am Kreuz installieren“, sagt Andrew Franck und schließt den blauen Strahler an. „Das ist wirklich keine Raketenwissenschaft“, lacht der große Mann. „Aber ohne Küster würde in den Kirchen vieles gar nicht funktionieren.“

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Heldentenor an der MET in New York
Es ist noch gar nicht lange her, da sah das Leben von Andrew Franck komplett anders aus. Bis 2018 war Franck als Opernsänger tätig. Er sang den „Lohengrin“, die Titelpartie in „Hoffmanns Erzählungen“, den „Otello“, den Siegmund in Wagners „Walküre“ an der Metropolitan Opera in New York City. Die Partie hatte Franck, der als Sänger noch Andrew Sritheran hieß, bereits am Theater Lübeck gesungen. In der Hansestadt lernte der Heldentenor 2010 auch seine spätere Frau Astrid kennen.

Mehr Bodenständigkeit gesucht
Doch kurz vor der Corona-Pandemie startet Andrew Franck seine ganz persönliche Heldenreise. Bricht auf ins Neue, ins Unbekannte. „Ich mochte den Lifestyle als Sänger einfach nicht mehr“, erklärt er. Die immer weiter sinkenden Gagen, das unstete Leben, belasten den Sänger. Andrew Franck wünscht sich mehr Bodenständigkeit. Er wird zuerst Musiklehrer, leitet mit seiner Mutter eine Alpaka-Farm im Kreis Herzogtum Lauenburg, wird schließlich Küster in Büchen.

Seit dem 1. September Küster in St. Petri
Seit dem 1. September 2023 ist Andrew Franck nun endlich wieder näher bei seiner Frau Astrid. Sie ist im Figurentheater Lübeck tätig, gleich nebenan kümmert sich Andrew Franck nun um die Geschicke der Petri-Kirche. „Ich bin sehr froh, sehr glücklich, hier sein zu können“, sagt Andrew Franck. Seinem früheren Leben trauert der gebürtige Neuseeländer nur wenig nach. Auch, wenn er in einem stillen Moment schon einmal in der leeren Petri-Kirche gesungen hat. So ganz kann er es dann doch nicht lassen. „Ich überlege, ob ich irgendwann Schuberts ,Winterreise‘ hier in St. Petri singen soll“, verrät Franck.

„St. Petri ist wunderschön“
Bis dahin aber stürzt sich der neue Küster in seine neuen Aufgaben. „Es ist toll, dass St. Petri von den Lübeckern und den Touristen so stark genutzt wird“, freut sich Franck, der auch das Team der Kirche schätzt. „St. Petri ist wirklich wunderschön“, sagt er. Und fügt hinzu: „Ich hätte früher nie gedacht, dass ich einmal so einen Job machen würde!“

Auch die Pflege des Petri-Kirchhofs gehört zu den neuen Aufgaben von Andrew Franck. Fotos: Oliver Pries

Auch die Pflege des Petri-Kirchhofs gehört zu den neuen Aufgaben von Andrew Franck. Fotos: Oliver Pries


Text-Nummer: 162269   Autor: KKLL/red.   vom 06.11.2023 um 13.19 Uhr

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