Possehl-Stiftung Lübeck
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Offener Brief zur Bildungs- und Betreuungs- Krise

Lübeck: Archiv - 14.12.2023, 14.47 Uhr: Die Kreis- und Stadtelternvertretung Lübeck hat „anlässlich der Bildungs- und Betreuungskrise“ einen offenen Brief verfasst. Empfänger sind unter anderem Bürgermeister Jan Lindenau, Senatorin Monika Frank, Mitglieder der Bürgerschaft, Ministerpräsident Daniel Günther, Ministerin Aminata Touré, Jasper Balke (MdL), Heiner Garg (MdL), Dagmar Hildebrand (MdL), Sophia Schiebe (MdL), Bruno Hönel (MdB), Tim Klüssendorf (MdB) und Gyde Jensen (MdB).

Der offene Brief im Wortlaut:

„Mehr gesellschaftliches Engagement für unsere Kinder!
Sehr geehrte Damen und Herren,

Die Betreuungssituation in vielen Kitas ist derzeit dramatisch. Die Kreis- und Stadtelternvertretung Lübeck erreichen täglich Mitteilungen von Eltern, bei denen die zuständige Kita die Betreuung der Kinder nicht sicherstellen kann. Dies bedeutet, dass eine Betreuung nur zu reduzierten Zeiten - meist von 08.00 - 14.00 Uhr - sichergestellt ist. Auch wird die Betreuung nur einer bestimmten Anzahl von Kindern angeboten oder es wird nach Gruppen/Wochentag versucht, die Situation zu lösen. In den schlimmsten Fällen werden Einrichtungen tage- oder wochenweise geschlossen oder sind von einer tage- oder wochenweisen Schließung bedroht. Es sind uns Fälle bekannt, in der in der Einrichtung nur noch zwei Erzieher beziehungsweise sozialpädagogische Assistenten die Betreuung von 20 Kindern aufrecht erhalten und die Organisation der Betreuung als Absprache der Eltern untereinander vorgenommen wird.

Die derzeitige Situation versetzt uns nicht nur für die betroffenen Familien in große Sorge, denn unsere Kinder haben einen Anspruch auf frühkindliche Bildung und Betreuung. Die Grundlagen für eine Bildungschancengleichheit von Kindern werden bereits in der Kita gelegt. Kinder, deren Eltern aus den verschiedensten Gründen eine entsprechende Förderung nicht leisten können, geraten ins Hintertreffen.

Wir machen uns auch Sorgen um unsere Fachkräfte, - die Erzieher, sozialpädagogischen
Assistenten und die Heilerziehungspfleger -, die unsere Kinder tagtäglich begleiten, ihnen
Sicherheit geben, die Nase putzen, aus Büchern vorlesen, basteln, spielen, wickeln, mit ihnen essen und einfach dann für sie da sind, wenn wir es als Eltern temporär nicht können. Wir bewundern die Kraft, die sie in diesen Zeiten noch für unsere Kinder aufbringen und sind ihnen zutiefst dankbar dafür. Aber: Erzieher brauchen nicht nur warme Worte der Dankbarkeit, sie brauchen dringend Entlastung und Hilfe, wenn wir nicht wollen, dass sie als tragende Säulen des Betreuungssystems zusammenbrechen und das System KITA verlassen.
Als Eltern können wir lediglich den Finger in die Wunde legen und Sie wiederholt darauf hinweisen, mit welchen Schwierigkeiten Eltern, Kinder und Mitarbeitende in Kitas täglich konfrontiert sind. Wir appellieren an Sie, zu versuchen, auf allen Ebenen Lösungen für Kinder und Eltern zu finden, die es ihnen ermöglicht, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren.

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist schon lange kein alleiniges Thema für Familien und Einrichtungen, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Gerade in einer Zeit, in der wir von einer inklusiven Gesellschaft sprechen, die sich an lebensphasen-orientierten Arbeitszeitmodellen ausrichtet, müssen sich auch Arbeitgeber bewegen und ihren Teil zur Überwindung dieser Krise beitragen.

Aus unserer Sicht könnten dafür zum Beispiel in Lübeck die, - nach unserer Kenntnis derzeit nicht genutzten -, Arbeitsstrukturen des „Lokalen Bündnisses für Familie Lübeck“ wieder aktiviert werden, um mit Trägern, IHK, Handwerkskammer, Politik und Verwaltung und anderen gemeinsam eine neue Kultur der Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch in schwierigen Zeiten zu entwickeln.

Uns ist auch bewusst, dass eine Kommune wie Lübeck nur lokal agieren kann und dass auch das Land Schleswig-Holstein und der Bund Verantwortung übernehmen müssen – einen Weg aus dieser Krise gibt es nur gemeinsam!

Erst Anfang Dezember erhielt die deutsche Bildungspolitik mit den Ergebnissen der Pisa-Studie ein absolut desaströses Zeugnis ausgestellt, das auch bedingt ist durch den verheerenden Fachkräftemangel in Kitas und Schulen und die negativen Folgen der Corona-Pandemie. Der Ruf nach intensiverer frühkindlicher Förderung in der Kita wurde laut.

Umso entsetzter nehmen wir zur Kenntnis, dass die Antwort der Landesregierung auf die derzeitig katastrophalen Bildungsumstände in Schule und Kitas jetzt ist, bei der außerschulischen Bildung durch Horte (Kita) sowie schulischen Bildung zu sparen und Qualität abzubauen. Kurzsichtiger kann man als Landesregierung kaum handeln und es zeigt, welchen Stellenwert Kinder und ihre Bildung in diesem Land derzeit haben. Auch die Kürzungen der Zuwendungen des Bundes sind ein falsches Signal. Sie treffen die üblichen Gruppen: Alleinerziehende, auf Vollzeitarbeitsplätze angewiesene Familien, bildungsbenachteiligte Kinder.

Wir glauben: Als Gesellschaft können wir mehr! Setzen Sie sich im Rahmen Ihrer Möglichkeiten dafür ein, dass dieses „Mehr“ für unsere Kinder wieder Realität wird.

Wir wünschen Ihnen dazu Mut und Kraft!

Mascha Benecke-Benbouabdellah, Sandra Faasch, Tanja Friede, Susanne Griem, Daniel Kerlin, Patrick Markowski, Jenny Scharfe, Jan Schoenfeld, Michael Sommer, Katrin Sturm, Yana Wagner

Vorstand der Kreis- und Stadtelternvertretung Lübeck.“

Unterzeichnet ist der offene Brief vom Vorstand der Kreis- und Stadtelternvertretung Lübeck, hier Mascha Benecke-Benbouabdellah. Foto: Foto: Eltern/Archiv

Unterzeichnet ist der offene Brief vom Vorstand der Kreis- und Stadtelternvertretung Lübeck, hier Mascha Benecke-Benbouabdellah. Foto: Foto: Eltern/Archiv


Text-Nummer: 163118   Autor: Eltern/red.   vom 14.12.2023 um 14.47 Uhr

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