Possehl-Stiftung Lübeck
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Leidenschaftliches Plädoyer für die Demokratie

Lübeck - St. Jürgen: Archiv - 19.12.2023, 09.37 Uhr: Ein bis auf den letzten Platz besetztes Lübecker Kolosseum erhob sich spontan für Michel Friedman, der am 110. Geburtstag des Friedensnobelpreisträgers Willy Brandt in Lübeck die Willy-Brandt-Rede hielt. Rhetorisch brillant führte Friedman das Auditorium durch seine ganz persönliche Biografie.

Seine Jugend in Deutschland, die Hilfe, die er manchmal zufällig erfuhr und das langsame Begreifen, wenn seine Schulfreunde gern bei ihm zum Spielen kamen, er aber in den Häusern seiner Freunde irgendwie nicht gelitten war.

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Antisemitismus hat er sein Leben lang erfahren, aber er hat auch die Würde des Menschen erfahren, die das Grundgesetz garantiert. Diese Errungenschaften gilt es zu bewahren, wurde der Redner nicht müde zu betonen, denn es gibt zu viele Bestrebungen in der Welt, selbst in Europa, die Errungenschaften der Demokratie zugunsten autokratischer Systeme abzuschaffen. Warten wir nicht, bis wir uns wieder freie Wahlen und die Demokratie erkämpfen müssen, wandte er sich immer wieder an das Auditorium. „Lassen wir diesen Schritt aus und lassen Sie uns bewahren, was wir haben.“

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Richtig streiten ist dabei ein wesentliches Element. Streit muss möglich sein, ohne dass anschließend die Andersdenkenden verhaftet werden, denn ohne Streit über den richtigen Weg gäbe es nur Stillstand.

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Mit Blick auf die Jugendlichen in der wiederum großartig aufspielenden Bigband des Johanneums, der Schule von Willy Brandt, kam Friedman auf die Bildung zu sprechen. Welche Rede wird hier in 20 Jahren gehalten, wenn die politische Information nicht über seriöse Quellen, sondern über soziale Medien und beispielsweise Tiktok erfolgt? Es müssen alle Anstrengungen erfolgen, diese Jugendlichen nicht für die Demokratie zu verlieren. Ein Leben in Freiheit, auch für den Andersdenkenden auf dem Boden einer freiheitlichen Verfassung muss gewährleistet bleiben.

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Unsere wunderbare Welt kann schnell zusammenbröseln, mahnte der Redner eindringlich, und führte die Länder auf, in denen Rechtspopulisten stark an Boden gewinnen. An eine Politik des Hasses darf man sich nicht gewöhnen, die Gefahr ist aber groß. "Nie wieder“, heißt es oft auf Demonstrationen, oder auch "Wehret den Anfängen." Friedman bat alle, die Augen zu öffnen. "Wenn wir den Anfängen gewehrt hätten, wären wir nicht da wo wir heute sind; mitten drin im Schlamassel."

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Am Ende erinnerte er noch einmal an Willy Brandt. In einer Lebensphase, als er nicht wusste, ob er in Deutschland überhaupt eine Zukunft hat, sah er wie ein deutscher Bundeskanzler, der kein Nazi war, in Warschau in Demut niederkniete. Eine Geste, so Friedmann, die etwas auslöste, was man in tausend Worten nicht beschreiben kann. Sie gab dem jungen Michel Hoffnung, in diesem Deutschland doch seine Zukunft zu suchen. "Ich möchte Mensch sein, mit meiner Würde, und das kann ich, solange Sie Menschen sind mit Ihrer Würde," schloss er seine Rede.

Hören Sie im Originalton: Im Anschluss sprach Harald Denckmann noch kurz mit Michel Friedmann.

Michel Friedman hielt im Kolosseum eine Rede zum 110.  Geburtstag des Friedensnobelpreisträgers Willy Brandt. Fotos: Harald Denckmann

Michel Friedman hielt im Kolosseum eine Rede zum 110. Geburtstag des Friedensnobelpreisträgers Willy Brandt. Fotos: Harald Denckmann


Hier hören Sie den Originalton:

Text-Nummer: 163201   Autor: Harald Denckmann   vom 19.12.2023 um 09.37 Uhr

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