Nie wieder ist jetzt: Musik und Text für ein Miteinander

Lübeck - St. Jürgen: Das Kolosseum war bis auf den letzten Platz ausverkauft für den Abend gegen Antisemitismus und Rassismus mit Ensemblemitgliedern des Theater Lübeck, veranstaltet von der Dagmar Heidenreich und Inga Lohse Stiftung. Ein Grußwort gab es von Bürgermeister Jan Lindenau, eine Ansprache von Björn Engholm.

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In einer sehr persönlichen Begrüßung berichteten die beiden Veranstalterinnen über ihre Intentionen. Es war der 7. Oktober im vergangenen Jahr, als der Überfall der radikal islamistischen Organisation Hamas vom Gazastreifen aus gegen Israel verübt wurde. Die Hamas, verübte an diesem Tag in Siedlungen und Kleinstädten im Süden Israels Massaker an der Zivilbevölkerung von ungeahntem Ausmaß. Wohl jeder Besucher konnte es Inga Lohse nachfühlen, dass sie nach Schockstarre und dem Gefühl der Hilflosigkeit nur noch darüber nachdenken konnte, was sie unternehmen könnte, um deutlich Stellung zu beziehen.

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Ihr und Dagmar Heidenreich wurde immer bewusster, wie stark antisemitische Äußerungen und Taten in Deutschland besonders unter jungen Menschen zunehmen, und beide wollten etwas unternehmen, um das Schweigen zu diesem Thema zu durchbrechen. Sie nahmen Kontakt mit dem Theater und Ensemblemitgliedern auf und sie fanden nicht nur offene Ohren, sondern schließlich eine Gruppe von neun Musikern und Schauspielern, die ein intensives, bedrückendes und dennoch mutmachendes Programm zum Thema „Nie wieder ist jetzt - das Schweigen überwinden“ zusammenstellten. Viel Zeit und Arbeit wurde nun von allen in das Projekt gesteckt, dem sich tatkräftig auch Lothar Tubbesing von der Gesellschaft der Theaterfreunde anschloss.

Der Abend am Dienstag im Kolosseum war einerseits harte Kost: selbst bei amüsanten Chansons von jüdischen Autoren konnte einem das Lachen im Hals stecken bleiben, wenn man sich bewusst machte, was nach 1933 mit den Künstlern passiert ist. Jedoch mit so viel Witz, Charme und auch Wärme erläuterte Steffen Kubach die Auswahl seiner Vorträge, so dass die unbefangene Heiterkeit der Stücke übersprang.

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Kubach und Andreas Hutzel als Moderatoren brachten das Kunststück fertig, trotz der tiefen Betroffenheit, die mancher Beitrag auslöste, die große Kunst der kleinen Stücke zu verdeutlichen, Genuss zuzulassen. Eindringlich las Sven Simon Antikriegsgedichte von Kästner und Tucholsky, wunderschön gestalteten Lilly Gropper und Johannes Merz die poetische Beziehung zwischen Else Lasker-Schüler und Gottfried Benn. Ohne Worte, mit Ihrem Akkordeon, streifte Martina Tegtmeyer die Grauen eines Gulags. Sympathisch und ernst zugleich erklärte auch Laila Salome Fischer die Lieder aus einem polnisch-jiddischem Film der 1930er Jahre. Besonders traf sie den Nerv des Publikums mit Georg Kreislers „Im Theater ist nichts los“. Durchsichtig gestaltete Willy Daum am Flügel die sechs Miniaturen von Schönberg und überraschte zusammen mit Andreas Hutzel und Martina Tegtmeyer, als er nicht nur zur Gitarre, sondern auch zum Bandoneon griff. Als wunderbar vielseitigen, hochmusikalischen Klavierbegleiter erlebte man den neuen 2. Kapellmeister des Theaters, Nathan Bas.

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Leidenschaftlich, fast schmerzhaft interpretierte Hutzel „Dance me to the end of love“ von Leonard Cohen, temperamentvoll das letzte Stück des Abends, „A hard rain‘s a gonna fall“ von Bob Dylan.

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In seiner Ansprache hatte Björn Engholm anfangs ein Plädoyer gegen Hass und Häme gehalten, und dazu aufgerufen, sich für Demokratie und Freiheit einzusetzen. Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit, sondern musste und muss immer wieder neu erkämpft werden. Und es war gut, dass er die so sehr schutzbedürftige Würde der Menschen deutlich auf alle bezog, egal welchen Glaubens, welcher Rasse, welchen Alters, welchen gesellschaftlichen Standes und welchen gesundheitlichen Zustandes.

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Der Erlös des Abends, so Dagmar Heidenreich, wird zum Teil der jüdischen Gemeinde als Beitrag für eine neue Thorarolle zukommen, ein anderer Teil der Lübecker Stolperstein-Initiative.

Veranstalterin Inga Lohse und Moderator Andreas Hutzel vor großem Publikum: Das Kolosseum war bis auf den letzten Platz ausverkauft. Fotos: Svea Regine Feldhoff

Veranstalterin Inga Lohse und Moderator Andreas Hutzel vor großem Publikum: Das Kolosseum war bis auf den letzten Platz ausverkauft. Fotos: Svea Regine Feldhoff


Text-Nummer: 164040   Autor: Svea Regine Feldhoff   vom 07.02.2024 um 11.21 Uhr

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