Grieg überhöht Ibsen: Peer Gynt in der MuK

Lübeck: Archiv - 17.03.2024, 18.02 Uhr: Im 7. Sinfoniekonzert der Saison landen die Lübecker Philharmoniker einen Volltreffer: Edvard Griegs Schauspielmusik zu „Peer Gynt“, verbunden durch die teils lyrischen, teils dramatischen Passagen aus dem norwegischen Volksstück von Henrik Ibsen, bescherte ihnen am Sonntagvormittag ein volles Haus. Nicht nur in die Jahre gekommene Bildungsbürger strömten in die MuK, um dieses Highlight zu erleben.

Was sich bei Ibsen zwischen Erdenschwere und Phantastik abspielt, hat sein Landsmann Grieg vor 150 Jahren romantisch unterlegt und überhöht. Wie der Jüngling Peer Gynt daheim unbeliebt wird, indem er Braut und Mutter unglücklich macht, hinauszieht in die Welt und reumütig zurückkehrt – das hat viel mit dem Sagen, Heimeligkeit und Exotik liebenden 19. Jahrhundert zu tun. Und es berührt in diesem Fall noch heute durch die Melodik und farbige Instrumentation des Komponisten: „In der Halle des Trollkönigs“, „Morgenstimmung“ und „Solveigs Lied“ gehören zu den unvergänglichen Ohrwürmern.

Nun haben sich Philharmoniker, Chor mit Extrachor, Schauspieler und ein Mitglied des Opernensembles verbunden, um unter Leitung des estnischen Gastdirigenten Hendrik Vestmann zwei Erlebnisstunden zu bieten. Da erzählt Heiner Kock präzise das Auf und Ab des Geschehens, sorgt sich mitfühlend Susanne Höhne als Mutter Aase, bringt Luisa Böse als Ingrid und Anitra mädchenhafte Ungeduld (und lässt sogar ihren hellen Sopran tanzen) – und ist Johannes Merz ein ebenso stürmischer wie überheblicher und letztlich einsichtiger Titelheld. Sollte jemand einen Einwand haben, dann diesen: Etwas weniger Pathos, etwas mehr klare Rezitation – denn die großen Gefühle jeglicher Art vermittelt die Musik.

Und hier ist Hendrik Vestmann der Präzisionsarbeiter am Pult. Nach sich im Tempo überschlagenden Vorspiel-Auftakt fand er in die lyrische Grundstimmung, ins schweifende Erzählen ebenso wie die aufrührenden Stimmungen. Die Philharmoniker folgen ihm mit blühendem Ton und großer Geschmeidigkeit – vor allem auch imponieren die vielen solistischen Highligths: Elisabeth Fricker (Viola) im Vorspiel, Konzertmeister Khristian Artamonov im 2. und 3. Satz mit den Hardanger-Fiedel-Sprüngen, Waldo Ceunen (Flöte) und Ukko Pietitä (Englischhorn) in der „Morgenstimmung“, zumal die Fagotte in „In der Halle des Bergkönigs“, immer wieder die Horngruppe (mit einem Solo von Karyn Dobbs) und die samtenen Streicher.

Vokal hat die Aufführung ihre Stützen in Emorfia Mataxaki, die (hoch oben vom Rang) mit ihrem Sopran der Solveig alle Innigkeit und Sehnsucht verleiht – und im Chor. Jan-Michael Krüger hat ihm hörbare Geschmeidigkeit und dann grimmige Schlagkraft im „Stürmischen Abend auf dem Meer“ mitgegeben, dass dieses Widerspiel von Solisten und Chor „auf dem Rücken“ der Philharmoniker ein perfektes hochromantisches Miteinander bringt.

Das Sonntagspublikum feierte alle Mitwirkenden ausgiebig und lange. Die Besucher am Montag (19.30 Uhr in der MuK) werden dem nicht nachstehen.

Der estnischen Gastdirigenten Hendrik Vestmann überzeugte mit seiner Präzision. Foto: Stephan Walzl

Der estnischen Gastdirigenten Hendrik Vestmann überzeugte mit seiner Präzision. Foto: Stephan Walzl


Text-Nummer: 164781   Autor: Güz.   vom 17.03.2024 um 18.02 Uhr

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