Phemios Kammerchor: Musik „Im Verborgenen“

Lübeck: Der Lübecker Phemios Kammerchor ist etwas Besonderes in der reichhaltigen Landschaft der Laienchöre in Lübeck. Am Sonntag gab er ein Konzert in St. Aegidien. Auf dem Programm stand Musik, die früher nur "im Verborgenen" aufgeführt werden konnte.

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Gegründet wurde der Chor 2009 von Lübecker Musikstudenten unter der Federführung von Joachim Thomas und hat sich seitdem zu einem veritablen, eher größeren Kammerchor und zu einer festen Größe im Lübecker Musikleben entwickelt. Die rund 35 sehr erfahrenen Chorsänger und -sängerinnen konzertieren zweimal im Jahr mit anspruchsvoller geistlicher oder weltlicher A-Capella-Chorliteratur. Die Konzerte finden immer bei freiem Eintritt statt (Spenden sind selbstverständlich sehr erwünscht) und stehen immer unter einem bestimmten Motto.

Am vergangenen Palmsonntag, dem Beginn der Karwoche, ging es in der vollbesetzten Aegidienkirche um Musik, die aus den verschiedensten Gründen in früheren Zeiten nur „Im Verborgenen“ aufgeführt werden durfte oder sollte. Geplant war dieses Programm schon für das Jahr 2020 und musste aufgrund der Corona-Maßnahmen auf Eis gelegt werden. In der Zwischenzeit haben sich die politischen Zustände in vielen Regionen unserer Erde zugespitzt, vielerorts herrschen Krieg, Gewalt und Unterdrückung. Angst vor Krieg lässt Erinnerungen an die für Europa überwunden geglaubten entsetzlichen Geschehnisse in den beiden großen Kriegen des 20. Jahrhunderts lebendig werden. Das Programm des Phemios Kammerchores „Im Verborgenen“ gewann eine fundamentale Aktualität, und so entschlossen sich die Sänger und der Chorleiter Joachim Thomas, die Hintergründe der Kompositionen durch kurze Anmoderationen zu erläutern.

William Byrd, ohne den die Vokalpolyphonie im England der Spätrenaissance nicht denkbar wäre, war dennoch als Katholik ein Verfolgter. Er bittet seinen Gott um Gnade, beklagt die gewalttätige Unterdrückung des seiner Meinung nach echten Glaubens – aufgeführt werden durften seine lateinischen Kompositionen nur im Geheimen. Der Phemios Kammerchor präsentierte sich in Hochform. Byrds „Ne irascaris Domine“ bestach durch lupenreine Intonation, akkurat und differenziert waren die kunstvollen Fugati ausgestaltet.

Auch die „Figure Humaine“ von Francis Poulenc nach dem berühmten Gedicht „Liberté“ von Paul Éluard musste lange versteckt bleiben, erst nach der Befreiung Frankreichs von deutscher Besatzung konnte sie Anfang 1945 uraufgeführt werden. Das Dirigat von Joachim Thomas war hochsensibel, er verschmolz geradezu mit den Sängern in der leidenschaftlichen Gestaltung dieses hochexpressiven Werkes. In der Bandbreite von schmerzhaften Signalen über atemlose Hast, Ausweglosigkeit und Verzweiflung bis hin zu zynischer Heiterkeit wurde die Verarbeitung der schrecklichen Ereignisse sehr eindringlich. Eckhard Bürger, der engagierte Kirchenmusiker an St. Aegidien, steuerte die 2. Fantasie von Jehan Alain bei. Zwar kein verborgenes Kunstwerk, aber in seiner emotionalen Wucht, und mit dem Wissen um den tragischen Tod des erst 29-jährigen hochbegabten Organisten fügte es sich ein in die Reihe der verborgenen Werke.

Die bekannteste Komposition von Gregorio Allegri ist das Miserere – über 250 Jahre lang war es fester Bestandteil der Liturgie der Karwoche in der Sixtinischen Kapelle. Der 14-jährige Wolfgang Amadeus Mozart soll es nur nach Gehör notiert haben, denn damals war es unter Strafandrohung verboten, dieses Stück abzuschreiben. Zwar ist die kompositorische Anlage vergleichsweise schlicht, aber eindrucksvoll. Der Kammerchor teilte sich in 12 Stimmen – ein Solist sang von der Orgelempore, ein Solistenquartett vom Lettner mit feinen, stilgerechten Verzierungen, mühelos gelang im Sopran das dreigestrichene hohe C.

Und dann die doppelchörige Messe von Frank Martin. Dieser tiefgläubige Komponist scheute sich, sein Werk der Öffentlichkeit zu präsentieren, zu intim war ihm die eigene Nähe zum Göttlichen. Entstanden von 1922-1926, uraufgeführt erst 1963 ist diese Messe mittlerweile eines der beliebtesten Werke für A-Capella-Chöre. Auch hier gelangen den Sängern und Joachim Thomas aufs Feinste die Gestaltung der phantasievollen musikalischen Gedanken, sowohl der ästhetische Genuss als auch die innige Verbundenheit mit dem christlichen Glauben vermittelten sich dem Publikum.

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Am Tag zuvor war das gesamte Programm in Ratzeburg aufgeführt worden und auch dort war St. Petri gut besucht gewesen.

St. Aegidien war bei dem Konzert bis auf den letzten Platz besetzt. Foto: Phemios Kammerchor

St. Aegidien war bei dem Konzert bis auf den letzten Platz besetzt. Foto: Phemios Kammerchor


Text-Nummer: 164923   Autor: Svea Regine Feldhoff   vom 25.03.2024 um 08.14 Uhr

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