Lübecker Knabenkantorei in St. Aegidien

Lübeck - Innenstadt: Am Karfreitag war es wieder so weit: der Konzertchor der Lübecker Knabenkantorei an St. Marien führte die Johannespassion von Johann Sebastian Bach auf, in diesem Jahr in der Aegidienkirche.

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Die Solisten des Abends: Julian D. Clement, Manuel Nickert, Sunniva Eliassen, Karl Hänsel, Theresa Klose und Tim Rößner.

Komponiert wurde diese Passion für den Karfreitagsgottesdienst 1724 in der Leipziger Nikolaikirche – also genau vor 300 Jahren. Und auch in Lübeck war die Johannespassion der Knabenkantorei lange Zeit eigentlich ein Gottesdienst, denn wie in der Originalpartitur vermerkt, begann der 2.Teil „nach der Predigt“. Es ist sehr schade, dass man dazu überging, die Passion als Konzertereignis aufzuführen, mit festen Plätzen, Eintrittskarten und gestaffelten Preisen. Doch es ist verständlich. Um das Orchester und die Solisten zu bezahlen, reichte die anschließende Kollekte nicht mehr aus. Außerdem verlockte der freie Eintritt viele Menschen dazu, später zu kommen, früher zu gehen oder herumzulaufen. Lautes Reden und Kindergeschrei bei sensiblen musikalischen Momenten verhinderten oft ein konzentriertes Zuhören.

Der Karfreitag ist einer der höchsten Feiertage des Christentums. Er gehört zu den „stillen“ Feiertagen, ist hochsensibel, gleichzeitig kantig und sperrig, denn an diesem Tag beschäftigen sich Christen mit Schmerz und Trauer. In der Passionsgeschichte geht es um Gewalt, Verleugnung, Schuld und Vergebung. Besonders deutlich wird das im Johannesevangelium. Der Bibeltext ist die Grundlage der Bach‘schen Komposition, er wird vom Evangelisten vorgetragen und in fast opernhafter Anlage werden die agierenden Personen von Solisten gesungen, der Chor stellt den von den Hohepriestern aufgehetzten Mob dar.

Die gut vierzig Mitglieder des Konzertchores zeigten im Eingangschor emotionale Wucht, doch ohne bombastischen Ballast - der Chorklang war ausgewogen, die Höhen im Sopran sicher. Sorgfältig war alles einstudiert, sicher und effektvoll trugen die Turba-Chöre zur Dramatik der Handlung bei. In komplizierten Fugati saß jeder Ton, die betrachtenden, kommentierenden Choräle waren von schlichter Schönheit. Chorleiter Karl Hänsel hatte sich im Wesentlichen auf die Aussagekraft der Komposition verlassen, er verzichtete in jeder Hinsicht auf große Gesten, auch hochemotionale Szenen glitten nie in Sentimentalität ab. Zum schlanken Chorklang passten ganz wunderbar die historischen Instrumente der „Musica Baltica Rostock“. Hänsels Dirigat war sorgsam, klar und energisch, doch auch in langen Rezitativen ließ er den Musikern freie Hand, sie richteten sich nach der Gestaltung des Evangelisten. So konnte Timo Rößner mit seinem grundsätzlich warm timbrierten Tenor verschiedenste Facetten der aufwühlenden Handlung spannungsvoll wiedergeben.

Manuel Nickert sang die Christusworte mit fundiertem Bass, überzeugend gelang ihm die Ausstrahlung einer fast übernatürlichen Autorität. Etwas heller klang Julian D. Clement, eindringlich vermittelte er die Ambivalenz in der Figur des Pontius Pilatus.

Das eigentliche Geschehen pausiert, wenn es in Arien und Ariosi auf den einzelnen Gläubigen bezogen wird. Auch hier nahm man Julian D. Clement die Ernsthaftigkeit der Aussagen ab. Manuel Nickert (Tenor)gelangen leidenschaftliche Appelle. Sunniva Eliassen (Alt) sang nahezu ohne Vibrato. In schnellen Passagen nicht ganz sicher geführt, fügten sich ihre Linien dennoch gerade und schlank wunderbar in den Chor- und Instrumentenklang, sehr anrührend gelang „Es ist vollbracht“.

In die Arie „Ich folge Dir gleichfalls“ hatte Theresa Klose (Sopran) sehr aparte, stilsichere Verzierungen eingebaut, elegant und mit feiner Strahlkraft gestaltete sie die berühmte Trauerarie „Zerfließe, mein Herze“, auch diese Interpretation war frei von rührseligem Habitus. Nach dem versöhnlichen großen Schlusschor erklang der letzte Choral innig und hingebungsvoll, ein tröstliches Gebet. Lange brauchte Hänsel, um seine Arme aus der Spannung zu entlassen. Er hatte zusammen mit den anderen Musikern um anschließende Stille gebeten, um dem gottesdienstlichen Charakter des Werkes gerecht zu werden. Leider kamen nicht alle Zuhörer dieser Bitte nach.

Ein kleines Geheimnis sei noch verraten. Der dienstälteste Sänger des Chores konnte ein Jubiläum feiern: Er sang an diesem Abend zum 50. Mal an einem Karfreitag in der Johannespassion mit. Tipp: Er ist ein Tenor.

Sopran Theresa Klose mit der Lübecker Knabenkantorei. Fotos: Svea Regine Feldhoff

Sopran Theresa Klose mit der Lübecker Knabenkantorei. Fotos: Svea Regine Feldhoff


Text-Nummer: 165022   Autor: Svea Regine Feldhoff   vom 30.03.2024 um 08.33 Uhr

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