Das ganze Leben im 8. Sinfoniekonzert

Lübeck: Was für ein „pazifistisches“ Programm im 8. Sinfoniekonzert der Lübecker Philharmoniker in der MuK! GMD Stefan Vladar wagte die Kombination zweier „Melodramen“ von Schönberg und Ullmann mit einem orchestralen Meilenstein von Brahms – und das Publikum nimmt sie an! Im sehr gut besuchten Sonntagskonzert beeindruckten Orchester, Dirigent und Klaus Maria Brandauer.

Vladar ist es gelungen, seinen berühmten Landsmann zu verpflichten, um Arnold Schönbergs „Ein Überlebender aus Warschau“ und Viktor Ullmanns „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ zu rezitieren. Das gelingt dem Schauspieler in seiner wie stets auf alles falsche Pathos verzichtenden Eindringlichkeit. Schönbergs Partitur ist ein einziger Aufschrei – „the forgotten creed“ –, der in wenigen Minuten englisch berichtet und Aufseher-Kommandos deutsch hineinbellt. Das geht unter die Haut durch die Atmosphäre, die die Musik schafft, und durch das finale „Schma Israel“ des Herren-Chors und Extrachors des Theaters.

Die Rilke-Erzählung über Ereignisse im 17. Jahrhundert hat mehrere Komponisten angeregt. Was nun Viktor Ullmann als sein letztes Werk 1942 im KZ Theresienstadt konzipierte, ist nicht viel mehr als ein Particell und wurde von Henning Brauel in Teilen im expressionistischen Stil Ullmanns instrumentiert. Wieder führt Brandauer, auf seiner markanten bassbaritonalen Stütze, durch die Gefährdungen und Hoffnungen eines Lebens – ein mehr als halbstündiges Auf und Ab der Gefühle, der Tragik und der Hoffnung. Vladar lässt ihn unterlegen und auch mal übertönen mit der ganzen Ausdruckspalette von Piccoloflöte bis Tuba, von Ballungen der Blechbläser bis zum filigranen Quartett der Solostreicher (Carlos Johnson, Daniela Dakaj, Gerhard Sibbing a. G., Hans-Christian Schwarz).

Wie klar die beiden Werke korrespondieren mit Johannes Brahms 1. Sinfonie, lassen Vladar und die Philharmoniker nach der Pause hören. Klar austariert zwischen Bläsern und Streichern kommt der 1. Satz, gelegentlich etwas strikt und er könnte etwas mehr „atmen“. Das von Sanftmut getragene Andante bietet Holzbläser- und Konzertmeister-Soli, deren Feinheiten Waldo Ceunen (Flöte). Andreas Lipp (Klarinette) und Ukko Pietilä (Oboe) sowie Carlos Johnson sensibel nachspüren – die Horngruppe um Anton Schulze ist ebenfalls im Stimmungshoch. Die gelöste Stimmung im 3. Satz entspricht den Intentionen Brahms'. Und im Finale kostet Vladar das Accelerando aus, lediglich die Reprise geriet im Vormittagskonzert zu schnell. Ansonsten: In diesem Programm findet das ganze Leben statt – und alle lieben Brahms, auch die vielen Zuhörer, die am Sonntag begeistert applaudierten. (Wiederholung: Montag, 3. Juni, 19.30 Uhr in der MuK.)

Der Schauspieler Klaus Maria Brandauer rezitierte die Texte eindringlich. Foto: Jim Rakete/Veranstalter

Der Schauspieler Klaus Maria Brandauer rezitierte die Texte eindringlich. Foto: Jim Rakete/Veranstalter


Text-Nummer: 166250   Autor: Güz.   vom 02.06.2024 um 18.38 Uhr

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